Es gibt Momente auf einer Einkaufsreise, in denen ich vergesse, dass ich hier bin, um zu arbeiten. Wenn ein Händler eine kleine weiße Dose öffnet und darin ein Stein liegt, dessen Farbe ich so noch nie gesehen habe.
Wenn das Licht durch einen Cabochon fällt und eine haarfeine Linie über die Oberfläche wandert, als hätte jemand mit dem Fingernagel über Seide gestrichen. Dann stehe ich da, auf einem Markt in Südostasien, zwischen Plastikstühlen und Neonröhren – und halte etwas in der Hand, das in Millionen von Jahren entstanden ist.
Ich bin gerade von meinem diesjährigen Gemhunt in Südostasien zurück. Ein paar Tage, die sich anfühlen wie Wochen, weil jeder einzelne voll ist mit Entscheidungen, Begegnungen und Steinen, die man nicht vergisst.
Der Markt
Wer sich einen Edelsteinmarkt in Asien wie eine Schmuckmesse in Europa vorstellt, liegt falsch. Hier gibt es keine weißen Wände und keine Spotlights. Die Märkte sind laut, überdacht mit Wellblech, die Tische stehen eng. Händlerinnen sortieren Jade-Armreifen neben Perlenketten neben Farbsteinen, die in Reihen in Schaumstoffkästen liegen wie eine geologische Bibliothek.
Das Besondere an diesen Orten ist nicht das Angebot – das ist überwältigend und zum großen Teil uninteressant. Das Besondere ist, dass man hier Steine findet, die es auf keiner europäischen Messe gibt. Steine, die zu klein für die großen Auktionshäuser sind, aber zu ungewöhnlich für den normalen Handel. Genau mein Terrain.
Was der Markt erzählt
Jede Reise hat auch eine Stimmung – ein Thema, das sich durch die Gespräche mit Händlern zieht. Dieses Jahr war es eindeutig: Granate. Überall wurden sie gesucht, gehandelt, diskutiert. Allen voran Mandarin-Granat – ein Stein in einem so intensiven Orange, dass Kenner ihn schlicht „Fanta-Farbe" nennen. Daneben Tsavorit, der grüne Granat aus Ostafrika, der seit Jahren leise an Bedeutung gewinnt. Und Raspberry Garnet, ein kräftiges Himbeerrot, das irgendwo zwischen Rhodolith und Pyrop liegt.
Warum Granate besonders sind
Die Granat-Familie ist eine der vielfältigsten unter den Edelsteinen. Von Grün über Orange bis Tiefrot, von transparent bis opak – kein anderes Mineral bietet eine solche Bandbreite an Farben und Charakteren.
Gleichzeitig werden große Exemplare immer seltener. Steine über zehn Karat in guter Qualität tauchen am Markt kaum noch auf, und wenn, dann zu Preisen, die vor fünf Jahren undenkbar gewesen wären.
Auch Spinelle waren in diesem Jahr besonders gefragt. Was mich nicht überrascht – der Stein hat in den letzten fünf Jahren eine stille Renaissance erlebt. Sammler und Kenner wissen längst, was der breite Markt noch lernt: dass ein feiner Spinell einem Rubin in nichts nachsteht, außer im Preis.
Warum Farbe gerade gewinnt
Hinter der Nachfrage nach Granaten und Spinellen steckt ein größerer Trend: Der Farbsteinmarkt entwickelt sich so positiv wie seit Jahrzehnten nicht. Die Menschen wünschen sich Farbe – im Schmuck, in der Mode, im Leben. Das ist kein Zufall. Auch die großen Haute-Joaillerie-Häuser setzen verstärkt auf farbige Edelsteine statt auf den klassischen Diamant-Solitär. Wenn Cartier und Van Cleef vermehrt Tsavorite und Spinelle in ihre High-Jewelry-Kollektionen aufnehmen, bewegt das den gesamten Markt.
Primär und Sekundär: Woher die Steine wirklich kommen
Ein Aspekt, der auf solchen Reisen immer wieder deutlich wird und den ich für wichtig halte: Die Frage der Fundstätten. In Südostasien begegnet man häufig Steinen aus sogenannten Sekundärfundstätten – das heißt, die Steine wurden nicht dort abgebaut, wo sie ursprünglich entstanden sind, sondern wurden über geologische Zeiträume durch Erosion und Wasser verlagert. Sie tauchen in Flussbetten und Schwemmland auf, oft weit entfernt von ihrer primären Quelle.
Das ist kein Nachteil – im Gegenteil, manche der schönsten Steine stammen aus Sekundärlagerstätten. Aber es bedeutet, dass die Herkunft schwerer zu bestimmen ist. Bei einer Primärfundstätte wie den Mogok-Minen in Myanmar oder den Smaragdminen in Kolumbien weiß man genau, woher ein Stein kommt. Bei Sekundärfundstätten bleibt manchmal ein Fragezeichen – und genau deshalb ist Expertise so wichtig.
Fünf Steine, die mich auf dieser Reise nicht losgelassen haben
Jede Reise hat ihre eigene Farbe. Dieses Jahr war sie ungewöhnlich breit – von tiefem Rot über elektrisches Blau bis zu einem Rosa, das im Augenwinkel fast Lila wird.
Der Spinell
Wenn mich jemand fragt, welcher Stein gerade am meisten unterschätzt wird, sage ich seit Jahren: Spinell. Dieser hier bestätigt das. Ein Cushion-Cut, kräftig rot mit einem Hauch Pink, der im Tageslicht leuchtet, als hätte jemand eine Kerze dahinter gestellt. Spinelle haben etwas, das Rubine oft nicht haben: eine Klarheit, die von innen kommt. Kein Fenster, keine toten Zonen – einfach gleichmäßiges, lebendiges Rot.
Historisch wurde der Spinell jahrhundertelang für einen Rubin gehalten. Der berühmte „Black Prince's Ruby" in der britischen Krone ist in Wahrheit ein Spinell. Heute hat der Stein seinen eigenen Namen und seine eigene Fangemeinde – vor allem unter Sammlern, die wissen, dass Qualität nicht vom Bekanntheitsgrad abhängt.
Die Turmaline
Dann ein Fund, der selten ist: ein gematchtes Paar bicolorer Turmaline. Elongierter Emerald-Cut, jeweils mit einem Farbverlauf von warmem Cognac über ein sattes Grün bis hin zu einem kühlen Mintton. Die beiden Steine sehen aus wie Geschwister – ähnlich genug, um zusammenzugehören, unterschiedlich genug, um interessant zu bleiben.
Gematchte Paare sind deshalb so schwer zu finden, weil die Natur nicht in Paaren denkt. Jeder Kristall wächst anders, und zwei Steine mit vergleichbarer Farbe, Sättigung und Größe aus derselben Quelle zu bekommen, ist wie zwei Schneeflocken zu finden, die sich ähneln. Für Ohrringe oder Manschettenknöpfe sind solche Paare unersetzlich.
Die Neon-Tansanite
Tansanit kennen die meisten als blauen Stein – irgendwo zwischen Saphir und Iolith. Was die meisten nicht kennen: Neon-Tansanit. Ein intensives, elektrisches Blauviolett, das fast surreal wirkt. Ich habe zwei Cabochons gesehen, nebeneinander in einer Händlervitrine, und musste zweimal hinschauen. Der eine tiefsatt und fast undurchsichtig vor Farbe, der andere heller, durchscheinender, mit einem milchigen Schimmer.
Cabochons haben keinen Facettenschliff – die gewölbte, glatte Oberfläche lässt das Licht anders arbeiten. Statt zu funkeln, glühen sie. Bei einem Stein mit dieser Farbsättigung ist das ein Effekt, der im Raum auffällt, ohne laut zu sein.
Der Kunzit
Dann ein Stein, der oft übersehen wird: Kunzit. Benannt nach dem Gemmologen George Frederick Kunz, der ihn Anfang des 20. Jahrhunderts beschrieb. Meiner ist ein großzügiger Emerald-Cut in einem zarten Rosa-Violett, das je nach Lichteinfall zwischen Flieder und warmem Pink pendelt. In der Hand gehalten – und ich habe ihn lange in der Hand gehalten, bevor ich mich entschieden habe – wirkt er fast wie eingefrorenes Abendlicht.
Kunzit ist empfindlicher als viele andere Edelsteine – er kann bei dauerhafter starker Sonneneinstrahlung an Farbe verlieren. Das macht ihn zu einem Stein für Abendschmuck, für besondere Anlässe. Und es macht ihn zu einem Stein mit Charakter: Wer ihn trägt, weiß um seine Eigenheiten und schätzt ihn gerade deshalb.
Die Cat's Eyes
Der letzte Fund ist vielleicht der ungewöhnlichste. Zwei Chrysoberyll-Cabochons mit ausgeprägtem Katzenaugeneffekt – Chatoyance, wie der Fachbegriff lautet. Wenn man die Steine unter einer einzelnen Lichtquelle dreht, wandert eine helle, scharfe Linie über die gewölbte Oberfläche. Der Effekt entsteht durch feinste nadelförmige Einschlüsse im Kristall, die das Licht bündeln wie ein Spiegel.
Diese beiden Steine haben eine dunkle, honigbraune Grundfarbe mit einem leicht grünlichen Schimmer – und die Linie ist messerscharf. Ich kenne wenige Phänomene in der Gemmologie, die so unmittelbar beeindrucken. Man muss nichts über Edelsteine wissen, um bei einem Katzenauge stehen zu bleiben und zu staunen.
Was bleibt
Jede Reise bringt Steine mit nach Hause. Aber sie bringt auch Eindrücke mit, die in kein Zertifikat passen. Die Art, wie eine Händlerin in Bangkok einen Stein ins Licht hält, mit einer Selbstverständlichkeit, die von dreißig Jahren Erfahrung zeugt. Das Geräusch, wenn ein Lot Steine auf ein Samttuch geschüttet wird – ein leises, trockenes Klicken. Und immer wieder der Moment, in dem ein Stein mehr ist als die Summe seiner Daten: nicht nur Karat, Schliff und Herkunft, sondern etwas, das man sehen muss, um es zu verstehen.
Die Steine aus dieser Reise sind jetzt in meinem Atelier in München. Manche warten auf das richtige Projekt. Manche auf die richtige Person. Und manchmal ist es auch umgekehrt: Eine Person kommt zu mir mit einer Idee, und einer dieser Steine passt so genau, als hätte er auf dem Markt schon gewusst, wohin er gehört.
Wenn Sie neugierig geworden sind – ich zeige Ihnen gerne, was ich mitgebracht habe.
Am liebsten bei einem Kaffee im Atelier.